Zwischen Rüttelpult und Ruhe fand sich hinter Holz ein Engel – und Zahlen, die nicht vergaßen.
Der Fassengel sah aus, als hielte er den Atem an. Zwei hölzerne Hände, halb Segen, halb „Erwischt!“. Sepp behauptet seit Jahren, der Engel wache darüber, dass nichts verdunstet, was bleiben soll. „Unser Anti-Verdunster“, sagt er und zwinkert dem Holz zu.
An diesem Nachmittag quietschten die Schrauben, als wir den Sockel lösten – beleidigt, weil die Zeit sie nie um Erlaubnis gebeten hatte. Hinter dem Engel lag ein Päckchen: braunes Packpapier, Kordel spröde, ein Datum mit Bleistift auf der Kante: 1957.
Lukas öffnete das Päckchen so vorsichtig, als wäre es ein schlafendes Tier. Der Geruch von altem Papier stieg auf: trocken, süßlich, mit einem Hauch Keller. Protokolle. Tagesberichte. Kolonnen aus Zahlen, die sich nicht entschuldigen, wenn sie lügen. Johann strich mit der flachen Hand darüber, als wollte er die Seiten beruhigen.
„Schau“, sagte er leise. „Abfüllmenge, Bar-Einzahlungen… und hier die Inventarliste.“ Sein Finger blieb auf einer Zeile stehen. „Genau an den Tagen, an denen die Kassa springt, fehlen davor Liter – später sind sie wundersam wieder brav brav.“
Inspektor Pröll blätterte weiter, sein Bleistift machte kleine Haken in den Rand, keine Urteile, nur Aufmerksamkeit. „Dasselbe Muster in drei Jahren“, murmelte er. „Und immer dann, wenn’s draußen laut war: Ernte, Fest, Gäste. Drinnen wird verdünnt, danach hochgefiltert, damit’s wieder aussieht wie vorher.“
Zwischen den Blättern steckte eine Karteikarte: „Magnum – Fest“. Daneben jedes Jahr ein Hakerl. „Schlüssel am Vorabend“, las Johann halblaut. Sepp kratzte sich am Nacken. Niemand sagte etwas. Noch nicht.
„Wer war hier 1957 am Ruder?“ fragte ich. Die Namen am Rand waren wie Schatten an einer Wand.
Lukas nickte langsam. „Leute, deren Enkel heute noch mit uns trinken.“
Wir machten Kopien, legten die Originale wieder ins Packpapier zurück – als gehörten sie noch eine Nacht lang dem Engel. Dann gingen wir zum Nachbarn. In seiner Küche roch es nach Suppe und Erde. Er ließ uns hinein, ohne nach Gründen zu fragen.
„Ich bin nicht mein Großvater“, sagte er, bevor wir ein Wort sagten. Kein Trotz, nur Müdigkeit und ein bisschen Hoffnung.
Lukas schob ihm zwei Seiten hin. „Wir wissen.“
Er las. Man sieht es, wenn ein Mensch wirklich liest: Die Stirn wird still, die Augen machen weniger Strecke, der Atem verlässt die Schultern. Schließlich legte er eine Hand auf den Tisch, als müsste er ihm sagen, dass er bleibt. „Ich wollte wissen, ob ihr den Schlosshauptmann nur auf Etiketten habt“, sagte er. „Oder ob ihr ihn lebt.“
„Der Schlosshauptmann ist kein Schild“, sagte Pröll ruhig. „Er ist Arbeit. Leise, öfter unbequem – und ohne Publikum.“
Der Nachbar stand auf, verschwand im Nebenraum und kam mit einem Schlüssel zurück, schwer, Bart wie eine kleine Landkarte. „Der war immer da“, sagte er. „Zum zweiten Archivraum. Wir haben ihn die ‚Kiste‘ genannt. I war nie drin. Nehmt’s ihn. Tut’s, was g’hearig is.“
Zurück im Keller schraubten wir den Engel wieder fest. Sepp strich ihm einmal über die Backe. „Schau, Oida – jetz’ hörst wieda gscheit gscheit.“
„Was machen wir mit dem, was wir wissen?“ fragte ich, während die Hoflichter zu glimmen begannen.
„Wir lassen es atmen“, sagte Pröll. „Kein Pranger. Zuerst Ordnung – dann Worte. Wenn es Zeit ist.“
Wir tranken im Hof ein kleines Glas. Nichts Feierliches, nur ein Nicken in Richtung derer, die früher Mist gebaut und später vielleicht besser getrunken haben. Frau M. hob die Kamera – und ließ sie wieder sinken. „Nicht alles ist Content“, sagte sie. „Manches ist Grund.“
Johann legte die Hand auf die Kopie – der Sprung im Stand kam von einem einzigen Wert: FILTERNIVEAU.
„Schuld ist selten alt“, sagte er. „Sie wird nur staubig. Heute haben wir gewischt.“
Später, als der Hof stiller wurde und der Engel wieder an seinem Platz über dem Fass stand, hörte ich das leise Knacken von Holz, das sich in die Temperatur fügt. Der Keller atmete gleichmäßig. Ich dachte: Vielleicht ist Gerechtigkeit in alten Häusern genau das – Luft in Räume bringen, in die lange keiner geschaut hat.
„Rainer?“ Lukas stand in der Tür. „Morgen schauen wir in die Kiste.“
„Morgen“, sagte ich. Und der Engel sah aus, als hätte er genickt.
Fortsetzung folgt: E08 – Lichterkette am So, 04.12.2025, 19:00.
Zum Schlosshauptmann
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