Als die Lichterkette wieder im Takt war, wartete der Schlossgang auf seinen letzten Satz.
Der Schlossgang war an diesem Abend so kühl, dass die Worte deutlicher wurden, wenn man sie leise sprach. Auf dem Podest stand die Magnum „Schlosshauptmann“, grün, still, ein Versprechen in Glas. Das Satinband lag wie ein kleiner Fluss über dem Stein.
„Heut’ sperren wir auf—richtig“, sagte Lukas und rieb mit dem Tuch einen letzten Kreis ins Glas, als ließe sich die Nervosität polieren. Draußen im Hof summte die Lichterkette im Takt der Stimmen; Nachbarn, Stammgäste, Neugierige füllten den Abend mit Erwartung.
Inspektor Pröll trat neben mich. Er trug keinen großen Auftritt, nur seinen Blick, der Dinge an die Stelle hält, an die sie gehören. „Wenn wir beginnen,“ murmelte er, „beginnt auch das Ende. Das ist ein schöner Punkt.“
Johann legte etwas auf den Tisch: einen GAERSPUND, schwerer, als er aussah, mit dem Geruch von Holz und geduldiger Hefe. „Zur Erinnerung,“ sagte er, „Kontrolle darf atmen. Sonst wird sie nur Lärm.“
Sepp pfiff die tiefe Terz. Frau M. hielt die Kamera tief, fast demütig. Nino stand mit zwei sauberen Schürzen bereit, als ginge es in eine Chirurgie, die Leben verlängert: das der Flasche, das der Geschichte.
Ich löste die Kapsel. Ein feiner Hauch kalter Stein, dann Apfel, Pfeffer, ein Nerv aus Kühle. Der Kork—nein, der saubere Schraubverschluss—gab nach mit einem kleinen „Tsch“, als hätte er selbst ja gesagt. „Auf den Schlosshauptmann,“ sagte ich und hob die Flasche. „Und auf alle, die hinschauen, wenn keiner hinschaut.“
„Auf Ordnung mit Herz,“ ergänzte Lukas. Gläser traten vor, wie Hände, die begrüßen wollen.
Am Rand des Hofs stand einer, der lange Schatten geworfen hatte. Nennen wir ihn Herrn R. Er hielt die Jacke so, als müsste sie für ihn stehen. „Ihr und eure Geschichten,“ begann er, die Stimme scharf wie frischer Stahl. „Eure Namen, eure Lagen, euer Glanz.“
„Und Ihre Schrauben, Ihre Federn, Ihre Proben,“ sagte Pröll mild. „Die Sache ist schlicht: Sie haben gedreht, wo Vertrauen sitzt. Nicht viel. Gerade genug.“
Herr R. sah auf seine Hände, die nichts hielten. „Ich wollte zeigen, dass ihr nicht unfehlbar seid.“ Seine Worte wirkten wie Münzen, die zu spät in die Kassa fallen.
„Sind wir auch nicht,“ sagte Lukas. „Aber wir stehen auf, bevor etwas liegen bleibt.“
Ich schenkte aus. Die Cuvée kam hell und ernst, mit einer Länge, die mehr versprach als nur den Augenblick. Die Lichterkette wurde stiller, als hörte auch sie zu.
„Bevor wir trinken,“ sagte Inspektor Pröll und trat einen Schritt vor, „eine Frage, die viele von euch seit Wochen bei der Stange hält.“ Seine Stimme trug ohne zu heben. „Das Rätsel. Die Regel ist simpel—und wir verraten sie erst jetzt: In jeder Folge stand ein großes Wort, unübersehbar, in Versalien. Auf jedem Cover fandet ihr eine kleine Zahl K. Nehmt aus dem großen Wort den K-ten Buchstaben. Setzt die neun Buchstaben in der Reihenfolge der Folgen zusammen.“
Nino hob das Handy. Die erste richtige Nachricht traf um 19:53 ein: %%%LOESUNGSWORT%%%.
Da trat Sepp vor. Er legte die Hand auf das Messingschild im Türstock—S.H.—und räusperte sich. „Heuer bin i der Schlosshauptmann“, sagte er ruhig. Aus Leinen hob er eine Magnum, älter im Glas, schwer wie ein Versprechen. „Die Originale. I hob’s am Vortag wegtragt, bevor’s wem andern in d’ Händ fallt—und a Ersatzflaschn mit a bisserl weicher Prägung hing’stellt. Für heit. Für den, der wirklich z’schaut.“
Pröll legte zwei grüne Kappen nebeneinander. „Links die Attrappe—weicher Rand, falscher Stempel. Rechts die richtige.“ Er sah in die Runde. „Zur Erinnerung an E01: Am Vorabend hat Sepp die Original-Magnum in Sicherheit gebracht und eine identische Magnum aus derselben Cuvée mit der weicheren Deckelprägung bereitgestellt. Diese Flasche landete—gut gemeint und kühl—im Schlossgang. Die habt ihr geöffnet. Gut war sie trotzdem. Aber diese hier,“ er deutete auf die Magnum in Sepps Arm, „ist die echte, seit jenem Abend für den Gewinner reserviert.“
„Und was ist mit mir?“ fragte Herr R. Er klang müde, wie jemand, der an der falschen Kante geschliffen hat. „Wo stell’ ich mich hin?“
„Morgen“, sagte ich, „stellst du dich hier her, ohne Taschen. Und bringst Namen. Wir machen sauber. Dann kannst du bleiben. Oder gehen. Aber nicht mehr dazwischen.“
Er nickte. Einmal. Und das war mehr als vieles, was er die letzten Wochen gesagt hatte.
Wir tranken. Es war ein Schluck, der eine Schulter senkt. Die Gespräche kamen zurück, das Lachen auch, leise zuerst, dann wärmer. Jemand spielte „Wien, Wien“ in einer Version, die die Noten mehr ahnte als konnte—und gerade deshalb passte.
Später, als die Menge dünner wurde, blieb auf dem Podest ein runder Wasserabdruck zurück, genau dort, wo die Magnum gestanden hatte. Ich legte die Hand darüber. Kühl. Ruhig. „Schloss und Schlüssel,“ sagte Pröll neben mir, ohne hinzusehen. „Manchmal ist das nur ein Abend. Manchmal ist es eine Arbeit.“
„Und manchmal beides,“ sagte ich.
Johann steckte den GAERSPUND wieder ein. „Für die nächste Saison,“ meinte er. „Wir werden ihn brauchen. Nicht als Drohung. Als Erinnerung.“
Sepp hängte am Schlossgang eine kleine Tafel auf. Messing, ruhig. „Zutritt nur mit Herz“, stand darauf. Darunter, kaum sichtbar: S.H. Ich lächelte, weil manche Abkürzungen größer sind als Worte.
Die Lichterkette sang wieder den einfachen Takt, der Abende zu Hause macht. Im Gang atmete der Stein. Der Hof wurde still wie ein Zimmer ohne Dach.
„Rainer?“ Nino hielt sein Handy hoch, die Uhr im Display. „19:42. Sie schreiben schon Antworten.“
„Sollen sie,“ sagte ich. „Sobald die erste richtige Nachricht ankommt, übergeben wir die Original-Magnum—aus Sepps Händen.“
Wir löschten später die Lichter. Der Abdruck auf dem Podest trocknete, langsam, würdevoll. Manche Spuren sind dafür da, dass der Morgen sie findet. Und irgendwo in der Mauer, bilde ich mir ein, nickte einer, der schon länger hier wohnt als wir alle: der Schlosshauptmann.
Zum Schlosshauptmann
Weinvierterl










